Rhein-Zeitung

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Traum-Schalen aus Kristall-Brocken geschliffen
Wie Helmut Wolf ins Buch der Rekorde kam

Rheinland-Pfalz Kirschweiler/Hunsrück.
it dem Zerreißen von Telefonbüchern kommt ein Möchtegern-Herkules ins Buch der Rekorde. Auch wer Kirschkerne weiter als 25 Meter spuckt, gehört zur Guinness-Prominenz. Doch bis ein Mann aus dem Schleifer-Dorf Kirschweiler mit einem Foto ebenso groß wie Steffi Grafs in die Super-Annalen eingeht, muß er ganz schön schwitzen und sich krumm legen: Helmut Wolf (48) hat aus einem 600 Kilo schweren brasilianischen Edelstein das größte Bergkristallschalen-Paar der Welt geschaffen!

Doch der hauchdünne Schalen-Traum bereitet dem Kunsthandwerker am Rande des Hochwaldes zunächst nur schlaflose Nächte. Soll er den 55.000 Mark teuren, naturgewachsenen Brocken kaufen, der in sich eine „Spannung wie verrückt“ birgt? Soll er es wagen, „noch nie Dagewesenes zu schaffen“, mehr als zwei Jahre mit dem Risiko leben: Ein bloßer Luftzug könne beim Polieren das Juwel des Ateliers und die hochkarätige Arbeit von einer Sekunde zur anderen zerstören? Doch Wolfs Traum platzt nicht: Erst besiegt der Stein mit seiner Faszination die Vernunft, dann schmilzt der durchsichtige Quarz, den die alten Griechen für nie auftauendes Eis hielten, formvollendet dahin.

Diesem Moment fiebert der Mann, der vom Vater und dann vom Paten in Idar-Obersteins historischer Weiherschleife vom zwölften Lebensjahr an die Kunst des Schleifens gelernt hat, 30 Monate entgegen. Es will genau überlegt sein, welche Form dem harten Mineral abzubringen ist, bevor Spezial-Sägen den Stein in grobe Form bringen. Dann beginnt der erste Schliff, eine Diamantscheibe schneidet das Innere des teuren Stücks in millimeterdicke Teile, damit es Wolf mit Hammer und Meisel aushöhlen kann. Die Konzentration steigert sich mit jedem Handgriff, denn das Material wird immer feiner und zerbrechlicher. Wenn die Schleifräder rotieren, kühlt Wasser den Rohling, aber nicht das sensible Gerät des Künstlers. Ein falscher Schnitt, ein sanfter Druck, ein unglücklicher Dreh des Filzrades beim Polieren des eingepuderten Kristalls – und alles kann umsonst gewesen sein. Glanz oder Gram, Scheck oder Schock – bis zuletzt dreht sich auch ein bisschen das Glücksrad.

Wolf ist es hold. Der Mann, dessen Schalen auch in den Gemächern von Queen Elisabeth II, Königin Silvia und Ölscheichs stehen, freut sich wie ein Kaiser: Der schwere Klotz hat sich in Super-Schalen mit den Rekord Maßen von 49,2 x 49,2 x 23 Zenitmeter verwandelt, jede wiegt etwa 5,3 Kilo. Wolf kann sein Glücksgefühl nicht beschreiben, als er ein auf der rechten Hand ruhendes Werk mit dem linken Daumennagel antippt und ein zart schwingender Ton durch den Raum klingt.
Helmut Wolf gilt als ein Mann, der den Bann der geheimnisvollen Schönheit von Edelsteinen seit 1972 nach immer neuen Ausdrucksformen sucht, aber nach Rekorden sehnt sich der vielfach ausgezeichnete aus Kirschweiler so bald nicht mehr: „Das machen die Nerven nicht mit!“

Wolfs Schalen – zwölf von ihnen funkeln im Museum von Illinois – sind so zart, dass sie auf dem Wasser schwimmen. Doch dieses „Bade-Vergnügen“ kann sich nicht jeder leisten. So sind auch die beiden Rekord-Schalen in Europa nur noch auf Fotos zu bewundern. Immerhin hofft der Künstler, sein Werk in den Händen eines Kenners zu wissen, der im Mittleren Osten vielleicht einmal ein Museum mit dem wohlklingenden Gefäßen aus Kirschweiler eröffnet. Über den Verkaufspreis spricht Helmut Wolf nicht gern, aber nach Stundenlohn gerechnet habe er keine Reichtümer erworben.
Sein Schliff hat einen unverwechselbaren Stil – daran erfreuen sich vor allem Sammler mit nicht zu dünnem Portemonnaie, auch das Land Rheinland-Pfalz hat mit Objekten aus dem 1984 mit dem deutschen Edelsteinpreis ausgezeichneten Traditionsbetrieb bei Queen und Bundespräsident Richard von Weizsäcker schon Staat gemacht.